KI im Risiko- und Compliance-Management nutzen

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Regeln, Prüfungen, Dokumentationspflichten – Compliance war lange ein Bereich der geduldigen Handarbeit. Doch mit wachsenden Datenmengen und immer strengeren Regulierungen stoßen klassische Kontrollmechanismen an ihre Grenzen. Künstliche Intelligenz (KI) verspricht, Risiken schneller zu erkennen, Verstöße frühzeitig zu melden und ganze Prüfprozesse zu automatisieren. Für Entscheider bedeutet das: neue Effizienzpotenziale – aber auch neue Verantwortlichkeiten.

Warum Compliance durch KI besser wird

In vielen Unternehmen prüfen ganze Teams täglich tausende Buchungen, Verträge und Kommunikationsvorgänge. Selbst wenn die Fehlerquote gering sein sollte sind die Kosten hoch. Riesige Datenmengen, komplexe Verflechtungen und zeitlich verzögerte Einsicht machen die Arbeit für menschliche Gehirne äußerst anspruchsvoll, selbst wenn softwaregestützt gearbeitet wird.

KI kann hier als Frühwarnsystem dienen. Sie analysiert Datenströme in Echtzeit, erkennt Abweichungen von Mustern und meldet Auffälligkeiten sofort. Ein lernendes System prüft etwa Zahlungsflüsse auf Unregelmäßigkeiten. Wegen seines unbegrenzten „Gedächtnisses“ erkennt das Modell verdächtige Transaktionsketten, bevor sie menschlichen Prüfern auffallen.

Insbesondere im Finanzwesen nutzt man solche KI-basierten Systeme bereits zur Geldwäscheprävention oder zur Erkennung interner Compliance-Verstöße (siehe BaFin).

Dabei geht es jedoch nicht darum, Compliance-Teams zu ersetzen. Vielmehr gilt es, mittels KI die menschliche Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo sie wirklich nötig ist – weg von der Routine, hin zu den Anomalien.

Anwendungsfelder für KI in der Compliance

Die Einsatzmöglichkeiten von KI im Compliance-Management sind vielfältig. Der Markt für entsprechende KI-Tools bzw. KI-Erweiterungen (Plugins) für bestehende Compliance-Software erlebt derzeit ein starkes Wachstum.

Derzeit werden vor allem folgende Anwendungsfelder für KI in der Compliance bedient:

KI-Modelle identifizieren Muster in Rechnungen, Zahlungen oder Lieferketten, die auf Manipulation hinweisen. Sie erkennen doppelte Buchungen, untypische Summen oder ungewöhnliche Lieferantenverhältnisse.

Natural Language Processing (NLP) kann E-Mails und Chatverläufe scannen, um Hinweise auf Korruption, Preisabsprachen oder Insiderhandel zu finden. Hierbei sind freilich die Datenschutzgesetze der jeweiligen Länder zu beachten, insbesondere die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Mit Hilfe speziell trainierter KI-Modelle lassen sich Vertragswerke und Dokumentationen dahingehend auswerten, ob gesetzliche und eigene Anforderungen ausreichend geregelt bzw. dokumentiert werden.

KI verfolgt automatisch Gesetzesänderungen, Gerichtsurteile und Compliance-Vorgaben und signalisiert, wenn neue Anforderungen für das Unternehmen relevant werden.

Systeme prüfen regelmäßig, ob Prozesse dokumentiert und Berichte vollständig sind – ein großer Vorteil bei internen und externen Prüfungen.

Achtung: Jedes dieser Anwendungsfelder erfordert klare Grenzen: KI darf unterstützen, aber keine rechtsverbindlichen Entscheidungen treffen.

KI im Compliance-Management einführen

Um die Vorteile von KI im Compliance-Management nutzen zu können, sind einige wichtige Schritte zu absolvieren:

Passende Datengrundlage schaffen

Jede automatisierte Analyse bzw. Verarbeitung hängt unmittelbar von der Datenqualität ab. Compliance-Systeme greifen auf Buchhaltungsdaten, E-Mails, CRM-Einträge und externe Melderegister zu. Wenn diese Quellen unvollständig oder unsauber strukturiert sind, entstehen Fehlalarme oder blinde Flecken.

Führungskräfte müssen daher sicherstellen, dass ihre Organisation über ein zentrales, konsistentes Datenfundament verfügt:

  • Sind alle relevanten Datenquellen verknüpft und aktuell?
  • Gibt es einheitliche Datenformate und klare Zugriffsrechte?
  • Werden Daten systematisch gelöscht, wenn gesetzliche Fristen ablaufen?

Rechtliche Rahmenbedingungen klären

Die europäische KI-Verordnung (AI Act) reguliert auch Compliance-Systeme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Sie zählen in vielen Fällen zu den sogenannten Hochrisiko-Systemen, weil sie potenziell über Menschen oder Geschäftspartner urteilen.

Unter der KI-Verordnung müssen Unternehmen deshalb bei einem entsprechenden KI-Einsatz:

  • technische Dokumentationen und Risikobewertungen vorlegen,
  • Datenquellen und Modellentscheidungen nachvollziehbar machen,
  • menschliche Aufsicht gewährleisten sowie
  • klare Haftungsregeln definieren.

Wer die Compliance der KI frühzeitig sicherstellt, vermeidet später teure Anpassungen bei der KI in der Compliance.

Kontrolle und Verantwortung regeln

Automatisierte Entscheidungen sind nur so vertrauenswürdig wie ihre Überwachung. Führungskräfte bleiben haftbar, auch wenn ein Algorithmus die Arbeit erledigt. Deshalb ist Transparenz oberste Pflicht.

Folgende Grundsätze sollten Sie organisatorisch verankern, um beim KI-Einsatz im Compliance-Management keine Haftungsrisiken zu schaffen:

  • Human-in-the-loop: Kein Compliance-Alarm sollte automatisch zu Sanktionen führen. Jede Bewertung braucht menschliche Prüfung.
  • Nachvollziehbarkeit: Ergebnisse müssen sich dokumentieren lassen – für interne Audits und externe Aufsichtsbehörden.
  • Bias-Kontrolle: Modelle müssen regelmäßig auf Verzerrungen (Bias) überprüft werden, um Mitarbeiter oder Geschäftspartner nicht ungerechtfertigt zu belasten.

Governance-Strukturen schaffen

Die Einführung von KI im Compliance-Bereich ist kein reines IT-Projekt, sondern vor allem ein Governance-Thema. Unternehmen sollten klare Richtlinien formulieren, wer über Einsatz, Schulung und Überwachung der Systeme entscheidet.

Ein Minimalprogramm für die Einführung von KI (im Compliance-Management) umfasst mindestens:

  1. Verantwortlichkeiten festlegen: Compliance, IT und Rechtsabteilung müssen gemeinsam über KI-Einsatz entscheiden.
  2. Richtlinien definieren: Festlegen, welche Daten analysiert werden dürfen und welche Grenzen gelten.
  3. Dokumentation aufbauen: Jeder Schritt – von Datenquelle bis Entscheidung – muss nachvollziehbar bzw. prüfbar bleiben.
  4. Externe Audits einplanen: Regelmäßige Überprüfung der Systeme durch unabhängige Experten sind dringend anzuraten.

Im Idealfall errichten Unternehmen ein Artificial Intelligence Management System (AIMS) nach ISO 42001. Das ist vergleichbar mit einem Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) nach ISO 27001 oder einer vergleichbaren Norm. So entsteht Vertrauen – intern wie extern.

Schrittweise Einführung

Ein vorsichtiger Einstieg minimiert Risiken. Unternehmen können mit kleinen, klar abgegrenzten Projekten beginnen – etwa automatisierte Prüfung von Spesenabrechnungen oder Lieferantenbewertungen.

Unserer Erfahrung nach empfiehlt sich dabei folgendes Vorgehen:

  1. Ziel definieren: Welches Risiko soll überwacht werden?
  2. Pilotprojekt starten: Beschränkter Datenumfang, klarer Verantwortungsbereich.
  3. Evaluieren: Wie viele relevante Fälle wurden erkannt, wie viele Fehlalarme produziert?
  4. Skalieren: Erst nach erfolgreicher Evaluation auf größere Prozesse ausweiten.

Diese kontrollierte Einführung verhindert, dass KI-Systeme unbemerkt Fehlentscheidungen verfestigen oder etwa massenweise Falsch-Positive markieren, also mit der Überprüfung tatsächlich korrekter Vorgänge unnötig (menschliche) Ressourcen verbrauchen.

Grenzen der Automatisierung von Compliance

KI erkennt Muster, aber sie versteht keine Absicht. Sie kann melden, dass Zahlungen untypisch sind – nicht, warum. Das menschliche Urteilsvermögen bleibt deshalb unverzichtbar. Auch die besten Modelle können sich täuschen, etwa wenn ein Sonderfall außerhalb der gelernten Daten liegt.

Entscheider sollten daher vermeiden, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. KI verringert Risiken, eliminiert sie aber nicht. Auch das beste Modell braucht eine Instanz, die Verantwortung trägt. Compliance lebt vom Prinzip der Rechenschaft – wer eine Entscheidung trifft, muss sie erklären können. Dabei kann KI Quellen und Argumente liefern, die Begründung erfolgt jedoch menschlich.

Deshalb bleibt die Rolle des Menschen zentral: als Prüfer, Entscheider und Ethikfilter. Führungskräfte müssen sich fragen, wie viel Verantwortung sie abgeben dürfen, ohne die Aufsichtsfunktion zu verlieren.

Fazit

KI ist dabei, auch das Risiko- und Compliance-Management zu transformieren. Sie kann Routinearbeit reduzieren, Transparenz erhöhen und Prüfprozesse beschleunigen. Doch sie verlangt präzise Steuerung. Für Entscheider gilt: Technologie entbindet nicht von Verantwortung, sondern verlagert sie.

Wer KI kontrolliert, gewinnt ein starkes Instrument zur Früherkennung und Prävention. Wer sie unkontrolliert einsetzt, schafft neue Risiken – algorithmisch beschleunigt.

Klar ist auch: Der Weg zur digitalen Aufsicht führt nicht über Vertrauen in Maschinen, sondern über Governance, Datenqualität und klare Regeln. KI kann das Rückgrat moderner Compliance-Systeme bilden – aber nur, wenn sie von Menschen geführt wird, die wissen, wie die genutzte Technologie funktioniert, und die verstehen, dass Verantwortung immer in menschlicher Hand bleibt.

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